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Kein Aufwand zu groß für den Handball

Erstellt von Ostfriesische Nachrichten: Silke Meyer | |   2. Herren

Auricher Torwart Christoph Sineux reist fast 21 Jahre lang zu Spielen seiner Mannschaft aus Hamburg an – jetzt aber ist Schluss

 

 Aurich/Hamburg. Was für ein Aufwand: Seit fast 21 Jahren reist Christoph Sineux aus Hamburg an, um für die Handballer des MTV/OHV Aurich im Tor zu stehen. Auf eigene Kosten. „Es hat immer Spaß gemacht. Ich wollte mit Handball ja kein Geld verdienen“, sagt er so, als wäre solch ein Einsatz das Selbstverständlichste von der Welt. In der vergangenen Saison ist jedoch der Entschluss in ihm gereift, diesen Aufwand nicht weiter zu betreiben. Denn der stand für ihn zuletzt nicht mehr im Verhältnis zum sportlichen Einsatz. Der 44-Jährige spielt künftig für die SG Hamburg-Nord.

„Es funktioniert so nicht mehr“, sagt Sineux, der in seiner letzten Saison in Aurich zum Kader der Mannschaft des OHV II gehörte, nachdem der MTV im Juni 2019 den Herrenhandball an den OHV abgegeben hatte. „Es war toll, noch einmal in der Verbandsliga dabei zu sein“, sagt Sineux. Das ist das Einerseits.

Andererseits führte das gestiegene Niveau aber auch dazu, dass seine Einsatzzeiten weniger wurden. Für ihn nachvollziehbar. Weil er die Woche über in Hamburg ist, dort seit 1999 mit seiner Frau und inzwischen zwei Kindern wohnt und auch beruflich tätig ist, konnte er nicht mit der Mannschaft trainieren. Und das ist das Problem.

In den Anfangsjahren seiner Handball-Pendelei ließ sich das noch überbrücken. Da war er meist wenigstens beim Abschlusstraining am Freitag dabei: „Für die Regionsoberliga reichte das.“ Viel ging da auch über Routine.

Riesenrespekt zollt ihm sein langjähriger Trainer Patrick Tulikowski für das Engagement: „Für ein Spiel auf Kreisebene aus Hamburg anzureisen...“ Das war ja noch nicht alles. Er habe von sich aus auch immer noch eine Kiste Wasser für die Mannschaft mitgebracht, verrät der Trainer und erinnert sich an ein Turnier, in dem die Spieler nichts zu trinken hatten.

In der vergangenen Saison hielt sich Sineux als Torwart bei der SG Hamburg-Nord fit. Dem Verein, in dem seine Söhne Handball spielen. „Ich war dadurch zwar fitter als den Jahren zuvor. Ich habe aber das Zusammenspiel mit meiner Auricher Mannschaft nicht trainieren können. Und das muss passen“, sagt Sineux. Dazu kam, dass seine Mannschaft auf der Torwartposition gut besetzt war.

„Ich möchte aber noch ein bisschen spielen“, sagt Sineux zu seinem Entschluss, das Kapitel Handball in Aurich zu beenden.

Torwart – das war es, was Sineux von klein auf sein wollte. Dabei liegt weder Handball noch Torwart in der sportlichen Familie.

Begonnen hat die Torwart-Laufbahn von Sineux aber beim Fußball in der F-Jugend. Da sollte er dann aber kein Torwart mehr sein. Ein Schulfreund brachte ihn zum Handball. „Vom ersten Training an durfte ich im Tor stehen“, sagt Sineux. Und dort ist noch heute seine Position.

1985 spielte er für die D-Jugend des MTV. Eigentlich war er dafür noch zu jung. Aber es gab keine Mannschaft in seiner Altersklasse.

„Beim Handball hat’s mir gefallen“, sagt Sineux, der fast immer in Mannschaften des MTV gespielt hat.

Nur in seinem zweiten Jahr als A-Jugendlicher trat er mit einigen anderen Aurichern für TuRa Marienhafe an: „Wir hatten da die Chance, höherklassig zu spielen.“

Nach der Saison wechselte Sineux zurück zum MTV in die Herrenmannschaft, die damals von Herbert Polte trainiert wurde.

Die Jahre, in denen Volker Grendel die MTV-Mannschaft trainierte, gehören für Sineux mit zu den schönsten: „Da sind wir aus eigener Kraft in die Weser-Ems-Liga aufgestiegen.“ Unvergessen: Die Party, die auf die Aufstiegsspiele in Garrel folgte.

Es gab aber auch Phasen, in denen es weniger gut lief. Sineux erinnert sich an eine Saison mit einem so dünnen Kader, in der er sogar zusammen mit Trainer Tulikowski als Feldspieler zum Einsatz kam: „Das war blanke Verzweiflung.“

Und doch blieb er dabei. „Du machst jetzt weiter, bis aus der Jugend wieder Spieler nachkommen“, sagte er sich damals. Bei allem Aufwand.

Denn mit der Anreise war mehr verbunden, als sich mal eben einfach ins Auto zu setzen. Denn ein eigenes Auto besaß Sineux bis 2013 nicht. In Hamburg kam er bestens ohne klar. Zehn Jahre lang orderte er deshalb für seine Fahrten zu den Spielen einen Mietwagen. „Das war immer noch günstiger, als ein eigenes Auto zu unterhalten“, sagt er.

Als es für den MTV dann von Saison zu Saison sportlich immer besser lief, machte Sineux das Torwart-Dasein wieder so viel Spaß, dass er sich sagte: „Jetzt kannst du auch nicht aufhören.“

Seine Euphorie war so groß, dass er sogar seinen Urlaub in Nizza unterbrach, in den Flieger stieg, um im Relegations-Rückspiel um den Aufstieg in die Landesklasse in Delmenhorst dabei zu sein. Das war im Juni 2016. „Der absolute Wahnsinn“, sagt Tulikowski. „Das Hinspiel war so gut gelaufen. Da wäre es ja blöd gewesen, wenn ich im Rückspiel nicht dabei gewesen wäre“, so Sineux. Sein Beitrag zum Aufstieg sei aber nicht so doll gewesen, sagt er im Nachhinein selbstkritisch. Das Fliegen sei wohl doch zu anstrengend gewesen: „Aber ich war wenigstens dabei.“

Sineux weiß, dass er diesen Aufwand über all die Jahre nur deshalb betreiben konnte, weil seine Frau mitspielte: „Sie hat mich ja auch nie anders kennengelernt.“

Was ihm aus seiner Handball-Zeit in Aurich besonders positiv in Erinnerung geblieben ist? Da sind zu allererst die Jahre in der B-Jugend unter Trainer Detlef Boekhoff: „Er hat mit uns richtig Training durchgezogen und Spielzüge einstudiert.“ Neben der erfolgreichen Zeit unter Volker Grendel denkt er auch gerne an die Jahre, in denen sich der MTV von der Kreisebene bis in die Verbandsliga spielte.

Die Mannschaft und das Umfeld waren für Sineux aber auch ein ganz entscheidender Faktor, über viele Jahre den Aufwand zu betreiben. „Sie haben meine Familie super aufgenommen. Die Spieler kennen meine Söhne seit der Geburt. Die haben sich immer auf das Spielen nach dem Spiel gefreut“, sagt Sineux. Als sein Jüngster Anfang Mai seinen Geburtstag corona-bedingt nicht feiern konnte, habe der von seinen Mannschaftskollegen, den Tuinmann-Brüdern und den Neumanns, richtig coole Glückwunsch-Videos bekommen.

Sich als Aktiver vom Auricher Handball zu verabschieden, ist Sineux schwergefallen: „Es schmerzt schon. Aber der Moment ist einfach gekommen. Dafür werde ich jetzt wohl die Frage „Papa, wann spielst du denn mal“ wieder besser beantworten können.“

Denn seinen Beitrag im Handballtor möchte Sineux auch künftig noch leisten. Derzeit trainiert er mit der dritten Mannschaft der SG Hamburg-Nord, die in der Landesliga spielt. Und vielleicht geht ja auch noch ein bisschen mehr. Sein sportlicher Ehrgeiz ist jedenfalls nach wie groß. „Er wird als Typ in unserem Team fehlen“, sagt sein Auricher Trainer. der 3. Handball-Liga

Christoph Sineux hat jahrelang großen Aufwand betrieben, um als Torwart für den MTV Aurich im Einsatz zu sein. Archivfoto: Wolfenberg
 

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